Referent
Margarete Vöhringer
Titel
Praktiken in Kunst und Wissenschaft – Eine andere Geschichte der Russischen Avantgarde
Ort und Zeit
Di, 10. Jun 2008
19:00 Uhr, Aula der Merz Akademie
Ringvorlesungsreihe
Ästhetik des Wissens
Studienrichtung
Theorie

Praktiken in Kunst und Wissenschaft – Eine andere Geschichte der Russischen Avantgarde

Um die visuelle Wahrnehmung zu studieren entwarf der russische Architekt Nikolaj Ladovskij 1926 experimentelle Anordnungen in dem er, in einem gänzlich schwarz gestrichenen Raum, eine Reihe von Geräten installierte mit denen er die Wahrnehmung von Linien, Winkeln und Räumlichkeit vermass. Die Formulare zu diesen Experimenten trugen die Messfaktoren “Aufmerksamkeit”, “Erinnerung”, “Wahrnehmungsmessungen”, “Räumliche und motorische Fähigkeiten”, also sowohl physiologische als auch psychologische Kriterien.

Auf welche Experimente und das heißt auf welches praktische Wissen aus den Wissenschaften bezog sich der Architekt? Woher kam die Inspiration für seine Apparate? Und inwiefern war sie “experimentell”? All diese Fragen wird Margarete Vöhringer erörtern und sie in Beziehung setzen zu den künstlerischen Experimenten der Klassischen Avantgarde wie auch zu den Versuchen der angewandten Wissenschaften. Dabei geben sich die Verwicklungen zwischen Künstlern und Wissenschaftlern im Russland der 1920er Jahre als groß angelegtes politisches Programm zu erkennen: An den neu gegründeten Kunstinstitutionen wurden Laboratorien eingerichtet, in denen der menschliche Körper nach physiologischen und psychologischen Kriterien systematisch analysiert wurde. Sie waren die Think Tanks der progressivsten Künstler und Wissenschaftler der Zeit auf der Suche nach den Grundlagen der Massenkommunikation, nach den Gesetzen der Wahrnehmung und den vielfältigen Möglichkeiten, diese zu beeinflussen.

Margarete Vöhringer (*1973 in Nowomoskowsk/Russland) studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. 1998 gründete sie die Galerie und Werbeagentur “aroma-informationsdesign” in Berlin (zusammen mit Birgit Schneider und Andreas Eberlein). 2001 bis 2004 war sie Doktorstipendiatin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin; anschließend wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bauhaus-Universität Weimar am Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Kulturtechniken. 2005 schloss sie ihre Promotion über “Avantgarde und Psychotechnik. Wissenschaft, Kunst und Technik der Wahrnehmungsexperimente im postrevolutionären Russland” an der HU Berlin ab, die im Herbst 2007 im Wallstein Verlag erschien. Seit 2006 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin im Projekt “Reflex und Kognition”. Margarete Vöhringers Arbeitsschwerpunkte sind experimentelle Praktiken in Kunst und Wissenschaft, Bildtheorie, Technik- und Mediengeschichte, Wissenschaftsgeschichte der Wahrnehmung sowie die Russische Avantgarde.

Weitere Vorlesungen aus der Reihe ‘Ästhetik des Wissens’