Symposium
Semester
Wintersemester 2009/10

Remediate

Vor 12 Jahren begann mit der Gefängnisserie "OZ" des US-Kabelsenders HBO ein neues Zeitalter der Audiovisionen. Bisherige Begrenzungen von Kino- und TV-Formaten wurden überwunden zugunsten innovativer serieller Formate wie "The Sopranos", "West Wing", "Deadwood", "The Wire" ,"In Treatment" oder "Mad Men", die mehrere neuartige, zuvor nur vereinzelt erprobte Eigenschaften aufweisen:

-eine durchgängige Erzählung, die Dramaturgien einer Folge mit der einer Staffel und der einer Serie parallelisiert und zu einer vielschichtigen Gesamtnarration verknüpft
-eine komplexe Protagonistenstruktur, die zahlreiche Hauptrollen aufweist
-sehr substanzielle, popkulturell, literarisch, filmhistorisch und politisch informierte Herangehensweisen an die jeweiligen Themen, die sich sämtlicher Kino- und Fernsehgenres bedienen und diese häufig auf interessanteste Weise neu auffassen
-der Wegfall von formalen und inhaltlichen Beschränkungen, die mit der traditionellen Rücksichtnahme von TV-Networks auf die Werbeträger zusammenhingen. Damit geht eine starke Radikalisierung der Formsprachen und der Dialoge einher.

Diese avancierten Serienformate, die zunächst ausschließlich von Pay TV-Sendern wie HBO produziert wurden, inzwischen aber vermehrt auch auf anderen Kabelsendern und gelegentlich bei den werbefinanzierten Networks zu finden sind, versuchen nicht mehr, allen Zuschauern zu gefallen - eine schon immer fiktive Orientierung, die stets zu einem Fernsehen des kleinsten gemeinsamen Nenners geführt hatte. Im Zuge dieser Entwicklung wurde die Position des Autors in einer Weise gestärkt, wie man sie zuvor vom europäischen Kino oder dem US-amerikanischen Independentfilm kannte.

Die Figur des "Creators", der als Autor Einfluss auf alle Aspekte des Buches sowie seiner Umsetzung hat, und dessen persönliche Handschrift eine Serie von 50, 60 oder 70 Stunden prägt, wird dabei von einem Team von AutorInnen unterstützt, für deren Kooperation andere Regeln als die tradierten des Fernsehgeschäfts gelten. Das Gleiche gilt für das Verhältnis der Produzenten zu "ihren" Schöpfern und AutorInnen, denen in der neuen Fernsehlandschaft andere Spielräume als in der "Network-Ära" gewährt werden.

Auf diese Weise hat sich ein "Quality TV" etabliert, das eine Revolution der Audiovisionen darstellt. Mit dieser geht ein neues Rezeptionsverhalten einher, das durch die Digitalisierung verursacht wurde und in dessen Zentrum die DVD und das Internet stehen, nicht mehr so sehr Kino und Fernsehen – alles Aspekte einer andauernden Remedialisierung im Bereich der Audiovisionen.

Das 3-tägige Symposium wird die besonders in Deutschland noch nicht sehr weit entwickelte Auseinandersetzung mit den genannten Phänomenen in Beiträgen von Theoretikern und Filmwissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und den USA betreiben, die sich mit Themen wie den Folgenden beschäftigen werden: Autorschaft und Kooperationsformen in der Serienproduktion; das Zusammenspiel von kurzen, mittleren und langen Bögen der Narration; die Rolle von Sprache und die Kreation von Sprachen; Darstellungsformen des Politischen; Bücher und literarische Bezüge in Serien. Creators, Autorinnen, Produzentinnen und Schauspieler einiger der bedeutendsten US-amerikanischen Serien wie "Deadwood", "The Wire" oder "OZ" geben Aufschluss über die Arbeitsprozesse und -methoden bei Entwurf, Konzeptualisierung und Realisierung der Serien.

Kuratiert von Christoph Dreher

Das Symposium ist Teil des Forschungsprojektes »Remediate«, das die Merz Akademie, Hochschule für Gestaltung Stuttgart und die Akademie Schloss Solitude in Kooperation mit der MFG Filmförderung Baden-Württemberg und der Landesanstalt für Kommunikation (LFK) ins Leben gerufen haben. Ziel der auf drei Jahre angelegten Forschungsarbeit ist es, die historischen Veränderungen zu untersuchen, welche die Kulturtechniken Film und Fernsehen in Verbindung mit den Neuen Medien erfahren.

Ähnliche Vorlesungen

Alle Ringvorlesungen