Referent
Stefanie Schulte Strathaus
Titel
Sprachverlust – Nach der Kunst-Kino-Debatte
Ort und Zeit
Di, 06. Dez 2011
19:30 Uhr, Aula der Merz Akademie
Ringvorlesungsreihe
Cinema Expanded
Studienrichtung
Film und Video

Sprachverlust – Nach der Kunst-Kino-Debatte

Seit es das Kino gibt existieren Verbindungen, Überschneidungen und Abgrenzungen zur bildenden Kunst auf der einen und zur Massenkultur auf der anderen Seite. Nach den ersten Orientierungsversuchen zwischen Jahrmarktunterhaltung, Kunst und Industrie blieb dieses Identitätsspektrum jahrzehntelang erhalten und sorgte für wiederkehrende Debatten zur ästhetischen und politischen Neuverortung. Stets blieben sie jedoch einem hegemonialen Diskurs verhaftet, der von der institutionellen Trennung von Kunst und Film ausging. Die offizielle Geschichtsschreibung manifestierte dies, indem sie die wenigen Unterkapitel entweder von der Kunst- (insbesondere der Konzeptkunst), oder einer Filmperspektive aus schrieb, wobei wiederum Filmindustrie und unabhängiges Kino nie klar voneinander zu trennen waren.
In den vergangenen 20 Jahren wurden die Debatten wieder aufgenommen. In der Regel kreisten sie um das Dispositiv und den Apparatus, ihr institutionskritisches Potenzial beschränkte sich meist auf die Frage von Präsentationsformen von Film und Video in Kunstkontexten. Gregor Stemmrich zitierte im Editorial zu seinem Buch „Kunst / Kino“ 2002 Liam Gillick: „Kino und Kunst stellen eines der Paare von Bezugsgrößen dar, die unaufhörlich schlechte Seminare, entnervende Konferenzen und belanglose Ausstellungen zur Folge haben, auf denen Kunst zu etwas Ähnlichem in Beziehung gesetzt werden soll.“ Mit einer allgemeinen Deregulierungstendenz einhergehend, ist ein Zustand erreicht, der grundsätzlichere Fragen aufwirft. Sie unterscheiden sich von den bislang geführten Kunst/Kino-Debatten dadurch, dass sie sich ihren Grundannahmen und Begriffen entziehen, nicht zuletzt, weil FilmemacherInnen und KünstlerInnen sowie freie KuratorInnen zunehmend jenseits dieser Matrix agieren und Bewegtbilder längst Teil des Alltags geworden sind. Ein Befreiungsschlag? Eine Chance für neue institutionskritische Ansätze? Was bedeutet das für bestehende Institutionen und ihre Archive?
Der Vortrag orientiert sich an Beispielen aus der Praxis einer Institution: des Arsenal – Institut für Film und Videokunst.

Stefanie Schulte Strathaus
Filmwissenschaftlerin, Film- und Videokuratorin, lebt und arbeitet in Berlin. Ko-Direktorin des Arsenal - Institut für Film- und Videokunst (mit Milena Gregor und Birgit Kohler). Mitglied des Auswahlkomitees des Berlinale Forums, sowie Gründerin und Leiterin des Berlinaleprogramms Forum Expanded, das die Grenzen zwischen Film und anderen Künsten in den Blickpunkt stellt. Kuratorin zahlreicher Filmprogramme, Retrospektiven und Ausstellungen, darunter Michael Snow, Guy Maddin, Heinz Emigholz, Birgit Hein, Ulrike Ottinger, Stephen Dwoskin, die Film- und Veranstaltungsreihe „Wer sagt denn, dass Beton nicht brennt, hast Du's probiert? Film im West-Berlin der 80er Jahre“ (2006 mit Florian Wüst) und „Live Film! Jack Smith! Five Flaming Days in a Rented World“ (2009 mit Susannne Sachsse und Marc Siegel, in Zusammenarbeit mit dem HAU/Hebbel am Ufer). Zur Zeit Leitung des Projekts „Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart“ am Arsenal – Institut für Film und Videokunst.
Veröffentlichungen u.a. in 'Frauen und Film', 'The Moving Image','Texte zur Kunst','Ästhetik & Kommunikation' und in der 'Schriftenreihe Kinemathek'. Herausgeberin von Kinemathekheft Nr. 93: "Germaine Dulac" (mit Sabine Nessel und Heide Schlüpmann), Berlin 2002; "The Memo Book. Filme, Videos und Installationen von Matthias Müller", Berlin: Vorwerk 8, 2005; "Die Urszene: Christine Noll Brinckmann. Filme und Texte", Berlin: arsenal edition, 2008; " Wer sagt denn, dass Beton nicht brennt, hast Du's probiert? Film im West-Berlin der 80er Jahre“ (mit Florian Wüst), Berlin: arsenal edition & b_books, 2008.

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