"First-Year?!"

Sommersemester 2020 (Remote Edition)
Einführungswoche; Betreuung: Florian Clewe, Michael Dreyer

Freie Stunden am Fenster
Ein Stille-Post-Projekt in 5 Akten



Durch die Augen von...
Im Rahmen der Einführungswoche griffen die Stu­die­ren­den die künst­ler­ische Hand­schrift des Malers Werner Heldt auf und mach­ten sie sich zu eigen. Während Heldt ab den 1920er Jahr­en mit seinen Maler­eien be­un­ruhigt auf das An­wachs­en po­li­ti­scher Mas­sen­be­weg­ung­en blick­te, soll­te mit dieser Pro­jekt­auf­gabe der Ver­such ge­wagt wer­den, den Lock­down und des­sen un­mit­tel­bare Wir­kung auf den be­gin­nen­den Stu­dien­all­tag zu re­flek­tier­en. Ganz im Sin­ne der “Stil­len Post” tausch­ten die Stu­dier­en­den ihre Er­geb­nis­se un­ter­ein­an­der aus und trans­form­ier­ten sie weiter – von Zeich­nung­en und Illu­stra­tion­en über Texte, Sound-Auf­nahm­en und Videos bis hin zu Inter­face-Kon­zept­en für die Zu­sam­men­stel­lung der ent­stan­den­en Frag­men­te. Abbildung oben: Jovana Mikicic
Durch die Augen von...
Jakub Doseth
Bodo Grulich
Carla Freund, Bodo Grulich, Henriette Fritz

„Du starrst schon die ganze Zeit aus dem Fenster, Holden. Was gibt es da denn Spannendes zu sehen?“
Fias Worte klangen jedes mal harsch sobald sie den Mund öffnete. Mit ihren lockigem Haar blickte sie um die Ecke in mein Zimmer. Nur der Kopf überschritt die Grenze zwischen dem Türrahmen und einem neuen Raum, der gefüllt war mit Wehmut und meiner Wenigkeit. Das Lebendigste in diesem Raum waren die Pflanzen um mich herum, die ich jede Woche literweise mit Wasser ertränkte. Dazu die Rose auf meinem Fensterbrett, die so verblichen war von der tagtäglichen Sonne. Provisorisch hatte ich sie in ein Reagenzglas gestellt und gehofft, sie möge nicht verwelken. Diese eine blasse Rose mit eingeschrumpelten Blättern, die doch noch so frisch aussahen. Ich konnte den Staub auf den einzelnen Blättern beobachten, sah wie er jeden Tag mehr wurde. Und trotzdem wagte ich es nicht diese Rose wegzuwerfen. Erinnerungen wirft man schließlich nicht weg. Was, wenn das die letzte Erinnerung an jemanden ist? Sobald ich sie anfassen würde, würde sie auseinander fallen, zerbrechen, wäre sie nur noch ein Haufen staubiger Blätter.
„Holden, ich rede mit dir!“ Ich hatte schon gar nicht mehr zugehört und wusste auch nicht mehr worum es überhaupt ging. Also nickte ich. Nicken war immer die richtige Antwort für Fia.
Sie hielt einen Umschlag in der Hand, wobei sie ihren Arm Ausstreckte, über die Grenze des Raumes hinweg. Sie deutet mit einer Kopfbewegung und ihrer Hand darauf hin, dass dieser Umschlag für mich war. Empfänger: Holden Jensen.
Auch ohne Absender auf dem Brief wusste ich von wem er kam.
Moana – die einzige Person, die ich jemals geliebt hatte. Mein Atem stoppte. Ich schlug die Tür vor Fias Nase zu und setzte mich zurück an das Fenster in meinem Sessel.
Ich legte den Brief neben die alte Rose und starrte ins nichts.
Die Rose von Moana, von der ich dachte es wäre das letzte was ich jemals von ihr sah, und daneben der ungeöffnete Brief. Ich atmete tief ein und wieder aus. Starrte nicht mehr ins Nicht sondern den Brief an. War das die Realität?
Léa Amelie Baur





Henriette Fritz
Durch die Augen von...
Vincent Elsässer

Schwarzweißgedanken
Der Winter ist vorbeigezogen; es wird wieder warm. Zu warm. Für mich.
Gestalten, welche die Wohnungen in greifbarer Nähe bewohnen, lassen die Sonne, lassen die Wärme hinein. Die Fenster sind geöffnet. Sie freuen sich wohl über den frischen Wind, welcher kurzzeitig sogar vergessen lässt, welch fürchterlichen Winter wir hinter uns haben. Sie. Für mich sind es Fremde in dieser Welt. Ich kann sie nicht sehen, ich kann sie nicht hören. Jetzt nicht und noch nie und wohl nie. Vielleicht gibt es sie nicht einmal und die Fenster werden durch einen wahllosen Automatismus geöffnet und nach Zufallsprinzip wieder geschlossen. Ich habe jedenfalls noch nie einen von diesen Fremden gesehen, gehört, ... gefühlt. Es ist meine eigene schwarz-weiß-Welt. Darf ich vorstellen – In der Hauptrolle: Ich. Keine Nebendarsteller, keine Komparsen. Und wer der Autor oder Regisseur dieser farblosen, nie enden wollenden Geschichte ist, werde ich wohl nie erfahren. Mir ist nicht einmal das Genre verraten worden. Wenn ich raten müsste, wäre es irgendetwas zwischen Tragödie und Komödie. Eigentlich fast genauso witzig wie traurig. Ein zweiseitiges Schwert, ein Tal und ein Berg, schwarz-weiß. Alles, was ich sehe, ist schwarz weiß. Nicht einmal Kuntergrau und Dunkelbunt, um Casper zu zitieren, sondern coffeeblack and eggwhite, wie es Counting Crows schon in ihren Songs wiedergaben. Nur Schwarz und Weiss. Schwarz. Weiß. Schwarz Weiß. Schwarz Weiß. All I can see is nothing but Schwarz und Weiß. Wer konnte so grauenvoll sein und sich eine solche Welt ausdenken? Grauenvoll... Grau-envoll. Meine Brieffreundin aus vergangenen Tagen hat mir in dem letzten Brief, den sie mir schrieb, geraten, ich solle Farbe in mein Leben lassen. Ich solle den Kopf nicht immer so hängen lassen und mir die Farben doch einfach vorstellen. Sie mache das im Grunde auch nicht anders. Die Straßen gegenüber meinem Fenster seien asphaltiert, schrieb sie, nachdem ich ihr eine Zeichnung meines Blickes aus dem Fenster zuschickte. Es gebe eine Abstufung zwischen Schwarz und Weiß, welche sich „grau“ nenne. Eine unbunte Farbe, dunkler als Weiß und heller als Schwarz. Über Grau habe ich oft nachgedacht. Das wäre wohl meine Lieblingsfarbe. „Grün“ seien die Blätter der drei Bäume, welche ich von meinem Fenster aus sehen kann. Grün sei wohl auch das Dach meines Anananashäuschens. ... Mein Ananashäuschen. Mein Zufluchtsort, dort auf dem Fenstersims. Die Stätte meiner Glückseligkeit. Das tiefste Innere meines Herzens versteckt sich hinter dem für immer verschlossenen Fenster meiner Ananas. Wenn es etwas wie Farben in diesem Leben tatsächlich gibt, dann sind sie dort für immer verschlossen und auf ewig versteckt. Streng behütet, sodass ich sie im nächsten Leben auspacken kann, und vielleicht dann endlich zu denjenigen gehöre, die etwas zwischen Schwarz und Weiß sehen können. Vielleicht werde ich mich dann auch des Lebens erfreuen und Farben sehen – und nicht nur erahnen dürfen.
Severina Stainos





Durch die Augen von...
Henriette Fritz

Tag neun – Mittag
Ich sitze bei geöffnetem Fenster an meinem Schreibtisch. Spüre einen kleinen Windhauch, der über meine Wange streift, und lasse meinen Blick über das Draußen schweifen. Es ist still. Totenstill. Kein Auto fährt, kein Kind spielt, kein Mensch zu hören. Mein Blick wandert weiter. Hinüber zum Nachbarhaus. Alle Fenster sind geschlossen. Niemand steht am Fenster. Niemand schaut hinaus. Was sie wohl gerade machen, die Menschen auf der anderen Seite? Vielleicht essen sie zu Mittag? Vielleicht lesen sie ein Buch, schauen einen Film? Lachen oder Streiten? Vielleicht machen sie auch einfach nichts. Vielleicht warten sie? Warten wie ich auf das Davor. Warten auf den Zeitpunkt, an dem wieder Normalität eintritt und der alte, neue Alltag wieder beginnt. Mein Alltag – unser Alltag – ist nun ein neuer. Er ist geprägt durch Veränderungen. Dinge, die wir für selbstverständlich gehalten haben, stellen sich nun anders dar. Das Leben ist ein anderes. Es ist eingeschränkt. Ich betrachte die Mehrfachsteckdose auf der Fensterbank. Alle Steckplätze sind belegt. Zur Sicherheit habe ich auch die Powerbank angeschlossen – eine Vorsichtsmaßnahme. Denn ich bin abhängig, wie ein Ungeborenes, dessen Existenz durch die Nabelschnur der Mutter gesichert wird. Noch.
Nadja Fleck





Florentine Fritz
Nadja Fleck, Violeta A. Nagel López

Blick aus dem Fenster
Ich schaue aus dem Fenster und sehe Häuser, die durch die langsam untergehende Sonne immer mehr in ein rosafarbenes Licht getaucht werden. Ich erinnere mich an Zeiten in denen ich gemeinsam mit dir den Sonnenuntergang betrachtete. Ich denke an deine Arme, die mich umarmten als würden sie mich nie wieder loslassen wollen.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe den Balkon des Nachbarhauses, der mit unzähligen Lichterketten geschmückt ist. Ich erinnere mich an die kühle Frühlingsnacht in der wir uns dort, unter den funkelnden Lichterketten, das erste mal sahen. Ich denke an deine angenehme Stimme und an lange Gespräche unter den Sternen.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe Bäume, die sich langsam im milden Frühlingswind wiegen, als wären sie tanzende Menschen. Ich erinnere mich an milde Frühlingstage, an denen du mich an die Hand genommen hast und mit mir durch den Garten getanzt bist. Ich denke an mein buntes Kleid, das sich so schön im Wind gedreht hat.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen Berg, auf dessen Gipfel die Bäume in der untergehenden Sonne leuchten. Ich erinnere mich an warme Sommertage, an denen wir hinaufliefen und uns auf die Bank unter den leuchtenden Bäumen setzten. Ich denke daran wie du deinen Arm um mich gelegt und mir „Ich hab‘ dich lieb“ ins Ohr geflüstert hast.
Ich schaue auf den Fenstersims und sehe dich auf dem Bild in meinem liebsten Bilderrahmen. Ich erinnere mich an die Nächte, die wir gemeinsam verbracht haben, an denen wir getanzt und gelacht haben als gäbe es kein morgen. Ich denke an die guten Zeiten, die wir hatten.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe nur noch die grauen Umrisse der in rosa getauchten Häuser, die dunklen Umrisse der leuchtenden Bäume und die ausgeschalteten Lichterketten.
Noch in Gedanken nehme ich den Bilderrahmen und lege ihn in einen Umzugskarton, um vor einem neuen Fenster in Erinnerungen zu schwelgen.
Julia Förstner





Nadine Thurner
Nora Labudda
Florentine Fritz, Nora Labudda, Nadine Thurner

Es war ein stürmischer Herbsttag. Als er von der Bar zurück in seine Wohnung kommt schaltet er die Xbox wieder an, stellt seinen Burger und das Bier auf den Tisch, nimmt den Controller in die Hände und spielt gemütlich weiter, während er zu Essen beginnt. Draußen wird der Sturm immer stärker. Die Äste vor dem einfachverglastem Fenster scharren an der Scheibe. Es wird dunkel. Die Äste sehen beinahe aus wie Finger, fast schon wie Krallen, die über die Fenster kratzen.
Er beißt zufrieden in seinen saftigen Burger. Das Spiel muss neu laden. Erneut klopfen die grausamen Klauen gegen die Scheibe. Er schreckt auf und schmeißt ungeschickt sein Bier um – natürlich genau über den Controller. Im Ärger über sich selbst vergisst er den Schreck schnell. Er holt ein Tuch um alles wieder sauber zu machen. Auf dem Weg zurück zum Sofa hört er plötzlich eine keuchende, finstere Stimme aus dem Wohnzimmer. Sein Herz pocht und er bekommt kaum noch Luft. Kurz zögert er, vertreibt dann aber seine Angst und geht unbekümmert weiter. Sein Freund hat sich endlich in den Multiplayer eingeloggt. Das Headset gibt seine Stimme klar und deutlich wieder. Draußen zieht ein Gewitter auf. Es regnet inzwischen in Strömen. Es blitzt und der Wind pfeift durch das Fenster. Die Krallen scharren immer lauter. Plötzlich stößt der Wind das Fenster auf. Regen peitscht in den Raum. Vor Schreck kann er sich nicht mehr bewegen. Sein Kumpel erkundigt sich, was los sei. “Es ist alles okay”, antwortet er, steht auf und schließt das Fenster. Er will gerade wieder zurück zum Sofa laufen, da spürt er einen kalten Atem im Rücken. Er dreht sich um. Vor Schreck lässt er den Controller fallen. Sein Kumpel hört nur noch einen Schrei.
Julia Marber





Robert Heinz
Durch die Augen von...
Jovana Mikicic
Niclas Rüdiger
Durch die Augen von...
Vincent Gössler
Léa Amelie Baur, Jakub Doseth, Vincent Gössler, Severina Stainos


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