Ground Truth: Wirklichkeitskonstruktion und dokumentarische Praxis in Illustration und Fotografie

Ringvorlesungsreihe

Wintersemester 2026/27

Visuelle Kommunikation

Kuratiert von

Florian Bayer, Anja Weber

Vorlesungen

Was heißt es, etwas abzubilden? Die Frage klingt einfach. Sie ist es nicht und war es nie. In dem Moment, in dem künstliche Intelligenz fotorealistische Bilder in Sekundenbruchteilen erzeugt, Gesichter erfindet, Ereignisse simuliert und Stimmen imitiert, gewinnt sie jedoch eine neue Dringlichkeit. Das dokumentarische Bild, verstanden als nachrichtliche Spur und Zeugnis, steht unter Druck.

Mit Bildern konstruieren wir unsere Sicht auf die Welt. Jedes Bild zeigt eine Entscheidung, das wissen wir nicht erst seit Susan Sontag[1]. Kadrierung, Zeitpunkt, Medium, Perspektive, Haltung: all das ist bereits Interpretation. Das Dokument ist nie neutral.

Der Unterschied zwischen dem dokumentarischen und dem erfundenen Bild liegt in der Zeugenschaft. Dokumentarische Arbeit beginnt mit Anwesenheit. Wer zeichnet oder fotografiert, war dort und trägt damit eine Verantwortung gegenüber dem Dargestellten. Hinter jedem dokumentarischen Bild steht ein Satz, den KI nicht wahrhaftig sagen kann: Ich war dabei, habe zugehört und trage das Gesehene weiter.

Der Begriff Ground Truth stammt aus der Kartografie. Er bezeichnet Informationen, die direkt am Boden erhoben werden, um Luftaufnahmen oder Satellitenbilder zu korrigieren: was die Kamera von oben zeigt, prüft der Mensch vor Ort nach. Im Maschinellen Lernen meint er menschlich bewertete Daten, an denen KI-Modelle gemessen werden. In beiden Fällen entsteht Ground Truth durch menschliches Urteil – durch Anwesenheit oder durch Verifikation.

Diese Vortragsreihe trägt den Begriff als Programm. Ground Truth stellt dokumentarische Positionen aus Fotografie, Comic und Illustration vor. Die unterschiedlichen Schwerpunkte und Herangehensweisen – die Kamera vor Ort, der Strich aus der Erinnerung, die Recherche am Schreibtisch – eint eine gemeinsame Verpflichtung: das Gezeigte zu reflektieren und zu verantworten.

In einer Medienwelt, die zunehmend von synthetisch erzeugten Bildern durchsetzt ist, wächst die Verantwortung des Bildes gegenüber den Dargestellten und Betrachtenden und der Geschichte, die es erzählt. Dokumentarische Praxis ist eine epistemische und politische Geste: das Bestehen darauf, dass Wirklichkeit zählt, dass sie beschreibbar ist und die Beschreibung Konsequenzen hat.

Ground Truth wird kuratiert von den Professor*innen Florian Bayer und Anja Weber, Wintersemester 2026/27.

[1]  Susan Sontag veröffentlichte 1977 die Essaysammlung „Über Fotografie“, in der sie den bestimmenden Einfluss der Fotografie in unserer medial geprägten Gesellschaft behandelt.