Without Us – Ringvorlesung im Sommersemester 2026
“Mit uns ist das Abenteuer, Mensch zu werden, in eine neue Phase eingetreten”, schrieb der Philosoph Vilém Flusser in einem seiner schönsten Texte, “Digitaler Schein”. Das war 1991, und mit “uns” meinte er “diejenigen, die vor den Computern sitzen” auf die Tasten drücken und “Möglichkeiten verwirklichen”: “alternative Welten verwirklichen und damit sich selbst”.
Es ist das Jahr 2026. Wir haben sämtliche Tastenkombinationen ausprobiert und damit dazu beigetragen, eine Welt zu schaffen, in der unsere Präsenz kaum noch erforderlich ist. Computernutzende haben ausreichend Daten generiert sowie eine Vielzahl an Videos, Fotos, Texten und Dokumenten hochgeladen, sodass sich nun sinnfreier KI-Müll ausbreiten kann und das sogenannte „Dead Internet“ in Form von Bots und automatisierten Algorithmen nur noch wie ein Zombie weiterexistiert. Das Web, das wir einst als Bühne für unsere vielfältigen Ichs sahen, ist deutlich kleiner geworden: Daten können leichter gespeichert und weiterverwendet werden.
Das Digitale gehört heute den “idealen Subjekten” (Goriunova). Nicht-spielbare Charaktere schreiben ihre eigene Lore (de Seta). Was heißt es, “geglitcht und fragmentiert” zu sein (Menegon)? Wie fühlt es sich an, “Moos zwischen den Gehwegplatten” zu sein (N.B. Spiders)?
Kuratiert von Olia Lialina, Netzkünstlerin, Professorin für New Media und Post-digitale Kulturen an der Merz Akademie; Autorin von Digital Folklore, Turing Complete User und From My to Me.