Spekulativer Materialismus: Buchvorstellung und Gespräch

17.04.2019

Katja Diefenbach, Professorin für Ästhetische Theorie an der Merz Akademie, stellt am 27. April ihr Buch „Spekulativer Materialismus. Spinoza in der postmarxistischen Philosophie“ im Contemporary Institute for Art and Thought in Berlin vor.

Kaum ein anderer Denker erfuhr konträrere Auslegungen als Baruch de Spinoza. Mal galt er als Atheist und Rationalist, mal als Pantheist und Vitalist, mal als jüdischer Religionskritiker und Erbe des Marranismus. Seit dem 20. Jahrhundert wird Spinoza aber vor allem als Materialist verstanden, der dem Marxismus eine Lektion in undogmatischem Denken und nicht-teleologischer Dialektik erteilt hat. Ausgehend von Althussers Interesse am Begriff immanenter Kausalität rekonstruiert das Buch „Spekulativer Materialismus“ die postmarxistischen Spinozalektüren von Negri bis Balibar. Vorgestellt wird die Unkonventionalität eines Denkers, der die Eigenformierung der Materie, die affektive Produktion des Denkens und die Selbstregierung der Menge zu reflektieren gewagt hat.

Bereits am 26. April hält Katja Diefenbach bei der internationalen Konferenz „Materialism and Politics“ des Centre Marc Bloch und Institute für Cultural Inquiry (ICI) einen Vortrag mit dem Titel „Zwischen zwei Strukturalismen. Unterströme materialistischen Denkens.“

Abstract:

Spätestens seit Deleuzes und Althussers Interpretationen von Lukrez und Spinoza sind Strukturalismus und französische Philosophie von unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit der materialistischen Theoriegeschichte geprägt. Die damit einhergehende Kritik der (nach)cartesischen Subjektphilosophie legt nahe, dass im Versuch, das materialistische Denken zu präzisieren, strukturalistische Autor/innen auch den Streit mit der Phänomenologie zuspitzen wollten: Auf der einen Seite stand, eine Philosophie des Sinns, des Subjekts und der Erfahrung (Phänomenologie), auf der anderen Seite aber eine Philosophie des Begriffs, der Rationalität und des Wissens (Strukturalismus). Ein zweiter Blick erweist jedoch: Radikaler noch spalteten die Materialismusrezeptionen vom antiken Atomismus bis zum frühneuzeitlichen Rationalismus den Strukturalismus selbst. Nicht zuletzt ging es beim erneuten Lesen von Lukrez, Spinoza oder Descartes darum, die politischen Begriffe des Marxismus und dessen gesamte aporetische Erbschaft neu zu verhandeln. Die alternativen Konzepte von Ereignis und Kausalität, nicht nur in Lacanianismus und Deleuzianismus, sondern in der gesamten poststrukturalistischen und postmarxistischen Philosophie Frankreichs, ihr Auf- und Abbau subjekttheoretischer Positionen (vom Subjekt des Unbewussten bis zum Unbewussten ohne Subjekt), ihre divergierenden Trieb- und Begehrenskonzepte, ihre antinaturalistischen oder vitalistischen Positionen sind mächtige Symptome für die unvereinbaren Materialismusbegriffe des Strukturalismus, die mit unvereinbaren Politikbegriffen korrespondieren. Was sind die politischen Einsätze dieses Streits um die Theoriegeschichte des Materialismus, und was können wir heute mit ihnen anfangen?

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