Corona-Diaries

2020

Fachbereich Theorie

Art

Semesterprojekt

Studienrichtung

Fachbereich Theorie, Film und Video

Betreuende Dozenten

Über 13 Wochen des via Internet gemeinsam von Christoph Dreher und David Weber unterrichteten Film-und Video-/Theorie-Projekts im Sommersemesters 2020 hatten die Studierenden die Aufgabe, wöchentlich ein Videotagebuch von 7 Minuten zu erstellen, in dem sie die besondere Situation des Lebens und Studierens unter Bedingungen des Lockdowns mit den Mitteln von Handy, Tablet und Computer protokollieren, reflektieren und künstlerisch bearbeiten sollten, für jeden Tag eine Minute.

Am Ende des Semesters sind über 150, teilweise sehr persönliche Diaries zusammengekommen. An ihnen lässt sich nachvollziehen, wie sich die Auseinandersetzung mit der Ausnahmesituation entwickelt hat – das kreative Berücksichtigen oder auch Brechen der Tagebuch-Regeln, die Entdeckung von persönlichen und besonderen, manchmal kunstvollen Bildern und Formen, die Entwicklung von Methoden der Montage und des Einsatzes von Audio-Kommentaren. Die Auseinandersetzung mit Ereignissen nicht nur in der unmittelbaren Umgebung von Haus und Online-Studium, sondern auch auf den Straßen Stuttgarts und der Welt, als dort die Black-Lives-Matter-Bewegung ebenso stattfand wie Proteste gegen die Corona-Restriktionen oder die Stuttgarter Randale-Nacht.

(oben: Video-Tagebuch von Jessica Martin, KW 27)

Aus dem Tagebuch von Cedric Preier, KW 24:

Tag 69 – Mo – 08.06.20
Der Mann schlief ein am Wegesrand,
Und schlummerte dort ganz gar tief.
Jahre verging’n, bis man ihn fand,
Und keiner weiß, wie lang er schlief.

Tag 70 – Di – 09.06.20
Die Ranken schlungen sich um ihn,
Der da an einem Baumstamm lehnt’.
Wovon er träumt, was er ersehnt,
Sollt’ alles mit der Zeit vergeh’n.

Tag 71 – Mi – 10.06.20
Mit schwerem Blick sah’n sie ihn an.
Was er zu Lebzeit wohl getan?
Welch böse Geister trieben ihn
In solch ein übles Schicksal hin?

Tag 72 – Do – 11.06.20
Es kamen mehr und mehr heran,
Zum abgeleg’nen Grabesort.
Sie sah’n sich selbst in jenem Mann,
Der einsam und verlassen dort.

Zum Semesterprojekt „Mockumentary, oder, die kreative Behandlung von Wirklichkeit“

Seit den 60er Jahren tauchen diverse Spielarten des Mockumentary auf — Filme, die noch einmal anders den darstellenden, realistischen, repräsentierenden Anspruch des (direkten, „reinen“) Dokumentarfilms thematisieren und reflektieren. Dies geschieht mittels Nachahmung („mocking“), also einer spielerischen, ironischen, karikierenden Bezugnahme auf die „seriösen“ Vorbilder der Welt-Bilder des Dokumentarfilms. Wie dabei genau ein Mockumentary entsteht und wie es sich bis heute entwickelt hat, wird im Semesterprojekt untersucht.

Aus dem Tagebuch von Cedric Preier, KW 16:

Tag 17 – Fr – 17.04.20
Das Tolle der modernen Welt,
Ist, dass jede Information
Zu jeder Zeit zugänglich ist.
Alles Wissen, das auf der Erd’
Gesammelt wurde, ist findbar,
Wenn man es möchte. Man sollte
Meinen, dass es unmöglich wär,
Informell getäuscht zu werden,
Doch wie es scheint, wird durch dieses
Informationen-Übermaß
Weniger darüber nachgedacht,
Wem man denn Glauben schenken soll.
Wie Wissbegierde endet, wenn
Das eig’ne Weltbild bestätigt
Wurde. Es wird dann nicht mehr die
Richtigkeit überprüft, sondern
Geglaubt, was man zu glauben will.
Noch nie zuvor war’n sich Wahrheit
Und Trugbild je so nah, wie heut.